Referat Heinrich Heine

April 24, 2015

Vorbemerkung

 

Heinrich Heine gerecht zu werden fällt mir schwer. Er war dem Schreiben verfallen, hat neben Lyrik und Prosa viele Briefe geschrieben und war als Journalist tätig. Und noch viel mehr als er selbst, wurde über ihn geschrieben. Selbst ernannte Heine Kenner gibt es unzählige und jeder weiß es besser als der andere. Es werden Thesen aufgestellt und Antithesen. Mal wird er in jenes Lager gesteckt, mal in dieses. Mir schwirrt der Kopf. Der Stapel Bücher vor mir ist mit Merkern versehen, fast so viele wie Seiten. Es gäbe so manches zu berichten, doch nichts Neues. Mein Kopf ist schwer und nicht so klug wie die der anderen. Gehe ich in mich, höre ich eine leise Stimme, die meines Herzens. Was empfinde ich, nachdem ich mich seit Tagen durch seitenweises Material gelesen habe? Und tatsächlich ich fühle mich ihm verbunden. Nicht das ich mir anmaße auch nur ansatzweise dem großen deutschen Dichter ähnlich zu sein. Zumal wir weder Religion noch politische Anschauung teilen. Er war ein Mensch, der den Kontakt mit anderen gesucht hat. Er liebte sein zu Hause, seine Familie und trotzdem hat es ihn immer hinaus in die Welt gezogen. Auch möchte er es alleine in der Natur zu sein. Egal wo, immer hat er wie ein Schwamm alles, seine Mitmenschen, die Umgebung in sich aufgesaugt. Ihm platze schier der Kopf vor Ideen, die die Hand kaum schaffte aufs Papier zu bannen. Selbst als er durch eine schwere Krankheit seiner Beweglichkeit beraubt war, schrieb er weiter, und als das nicht mehr ging, diktierte er Sekretären seine Gedanken.

 

Nicht das Schreiben um des Schreibens willen war ihm wichtig. Er wollte gelesen werden, seine Gedanken teilen, Missstände anprangern, aber auch gefallen. Da er getaufter Christ war, stelle ich mir vor, wie er dort oben im Himmel sitzt und auf uns herabschaut. Ich hoffe, dass er das, was er sieht nicht allzu schwer nimmt und immer ein Stückpapier und einen Stift zur Hand hat, um seinen Gedanken aufzuschreiben. Ohne Zensur, denn die ist nicht göttlich.

 

Nachdem ich nun meine Gedanken geordnet haben, bleibt noch Folgendes, worüber ich schreiben möchte:

 

Heinrich Heine und seine Lieben

 

Am 13. Dezember 1797 wird Heinrich Heine unter dem Namen Harry Heine in Düsseldorf geboren. Als erster Sohn von Samson und Betty Heine, beides Juden. Zu dieser Zeit gibt es kein Getto in Düsseldorf, und somit nicht die üblichen Beschränkungen wie zum Beispiel die nächtliche Ausgangssperre. Sein Vater stammt aus Hannover. Als junger Proviantmeister der britischen Armee kommt Samson Heine nach Düsseldorf. Dort lernt er Heinrichs Mutter kennen. Peira von Geldern, die sich Betty nennt, entstammt einer angesehenen jüdischen Ärzte-, Bankiers- und Gelehrtenfamilie. Ursprünglich aus den Niederlanden, waren die von Geldern Ende des siebzehnten Jahrhunderts nach Düsseldorf übersiedelt. Betty ist fünfundzwanzig und ledig, ungewöhnlich für ein jüdisches Mädchen. Sie hat ihren Vater und Bruder bis zum Tod gepflegt und ist nun allein. Samson tritt zur richtigen Zeit in ihr Leben und er sieht gut aus. Sie beschließt ihn zu heiraten, gegen den Widerstand der Stadt Düsseldorf und der dortigen jüdischen Gemeinde.

 

Betty liebt ihren Erstgeborenen, wünscht sich nur das Beste für ihn und auf keinen Fall soll er Dichter werden. Zeitlebens nimmt sie Einfluss auf ihn, besonders bei seiner Berufswahl. Als Napoleon die Gleichstellung der Juden befiehl, schickt sie ihren Sohn auf das Lyzeum, ein französisches Gymnasium. Neben Geometrie und Statik steht auf dem Lehrplan auch die französische Poesie, gereimtes Rülpsen. Welch ein schrecklicher Alp!. Heine liebt seine Mutter ungefähr so wie Napoleon, lebenslänglich, ihre Herrschaft ist eine Vernunftherrschaft. Er folgt ihrem Willen, doch meist fehlt ihm das nötige Durchhaltevermögen. Ich folgte gehorsam ihren Wünschen, jedoch gestehe ich, dass sie schuld war an der Unfruchtbarkeit meiner meisten Versuche und Bestrebungen in bürgerlichen Stellen, da dieselben niemals meinem Naturell entsprachen. Andererseits gesteht er seiner Mutter zu: über meine wirklich Denkart hat sie sich nie eine Herrschaft angemaßt. Und vom Totenbett schreibt er ihr:  ...und wenn Dir die Dinge manchmal nicht zu Wunsche gehen, so tröste Dich mit dem Gedanken, daß wenige Frauen von ihren Kindern geliebt und verehrt worden sind, wie Du es bist und wie Du es wahrlich zu sein verdienst, Du meine liebe, brave, rechtschaffene und treue Mutter. Was sind die anderen in Vergleich mit Dir.

 

Samson Heine ordnet sich seiner Frau unter. Nach der Hochzeit verkauft er seinen gesamten Besitz, der ausschließlich aus Reitpferden und Jagdhunden besteht, weil diese seiner Frau missfallen. Heine sagt über ihn, er war von allen Menschen derjenige, den ich am meisten auf dieser Erde geliebt. Was gefiel ihm am Auftreten seines Vaters, über den er sagt: Eine grenzenlose Lebenslust war ein Hauptzug im Charakter meines Vaters. Er war genußsüchtig, frohsinnig, in seinem Gemüt war beständig Kirmes... Immer himmelblaue Heiterkeit und Fanfaren des Leichtsinns. Eine Sorglosigkeit die des vorherigen Tages vergaß und nie an den kommenden Morgen denke wollte. Beneidete er ihn um seine Naivität? Zu leben um des Lebens willen?

 

Es gibt andere Männer, an denen sich Harry lieber orientiert. An dem Bruder seiner Mutter, Simon van Geldern, beeindruckt Harry besonders dessen Lebenslaufbahn, denn es gab keine.  Der Onkel führt ihm vor, was es heißt ein geistiger Mensch zu sein, obwohl ihm das Denken Mühe macht. Nebenbei gesagt, kostet ihm nicht bloß das Schreiben, sondern auch das Denken die größte Anstrengung. Kein Wunder, dass Betty sich für ihren Sohn etwas Bodenständiges wünscht. Der Bruder seines Vaters Salomon Heine spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Salomon finanziert ihm die Ausbildung und das Leben. Doch wichtiger als das Geld war Heine die Anerkennung des Onkels. Als er Ende 1844 die Nachricht von Tod des Onkels erhält, schreibt er: Ach, mit dem Oheim erlosch der Stern meines Glückes. ... Dieser Mann spielte eine große Rolle in meiner Lebensgeschichte und soll unvergeßlich geschildert werden. Welch ein Herz! Welch ein Kopf!

 

Von seinen Geschwistern ist ihm die Schwester Charlotte am liebsten. Bis an sein Lebensende trägt er ihr Bild bei sich, kann nicht verschmerzen, dass sie einen anderen heiratet. Den renommierten Hamburger Kaufmann Moritz Embden. Später bricht sie mit ihm, wegen seines Haders auf ihren Mann. Am Sterbebett darf er sie wieder in die Arme schließen. Seine beiden jüngeren Brüder erfüllen die Träume ihrer Mutter. Gustav wird österreichischer Offizier und Maximilian Militärarzt im Dienst des russischen Zaren. Beide werden geadelt.

 

 

Um Mutter und Onkel gerecht zu werden, beginnt Harry eine kaufmännische Lehre, zunächst in Frankfurt am Main, dann unter der Aufsicht des Onkels in Hamburg. Im Mai 1818 eröffnet das Manufakturwarengeschäft "Harry Heine & Comp.“ Nur elf Monate später wird es liquidiert. Samson Heine hat ungedeckte Wechsel auf das Geschäft ausgestellt. Harry geht nach Bonn, um Jura zu studieren. Wechselt im Oktober 1820 nach Göttingen. Er unterbricht das Jura-Studium für vier Jahre, geht nach Berlin. Danach wieder ins verhasst Göttingen. Am 20. Juli 1825 erhält er die Promotion, als Dr. Heinrich Heine, denn am 28. Juni hat er sich auf den Namen Christian Johann Heinrich taufen lassen. Sein Onkel ist angenehm berührt, kann kaum glauben, dass der Langzeitstudent nun endlich den Doktortitel hat. Zur Belohnung darf Heine zur Kur nach Norderney - dort findet er eine neue Liebe - das Meer.

 

Reinigung

Bleib du in deiner Meerestiefe,

Wahninniger Traum,

Der du einst so manche Nacht

Mein Herz mit falschem Glück gequält hast,

Und jetzt, als Seegespenst,

Sogar am hellen Tag mich bedrohest -

Bleib du dort unten, in Ewigkeit,

Und ich werfe noch zu dir hinab

All meine Schmerzen und Sünden,

Und die Schellenkappe der Torheit,

Die so lange mein Haupt umklingelt,

Und die kalte, gleißende Schlangenhaut

Der Heuchelei,

Die mir so lang die Seele umwunden,

Die kranke Seele,

Die gottverleugnende, engelverleugnende,

Unselige Seele -

Hoiho! hoiho! Da kommt der Wind!

Die Segel auf! Sie flattern und schwelln!

Über die stillverderbliche Fläche

Eilet das Schiff,

Und es jauchzt die befreite Seele.

 

Zurück in Hamburg, findet er keine Anstellung. Heinrich vermutet böse Einflüsterungen des Schwager Moritz Embden gegenüber dem Onkel. Er hadert mit der Taufe: Ich bin jetzt bei Christ und Jude verhaßt. Ich bereue sehr, dass ich mich getauft habe. So enden Heinrichs Bemühungen, einen Beruf mit geregelten Einkommen zu ergreifen. Er widmet sich nun seiner Leidenschaft dem Schreiben, obwohl oder gerade, weil er weiß, dass das Schreiben genau das tut: Leiden schaffen. Somit war die Entscheidung Dichter zu werden vernünftig. Die einzig Richtige. Lieber ein erfolgreicher Dichter, der Armut nahe, als ein erfolgloser Jurist oder Kaufmann mit vergänglichem Reichtum.

 

Neben der Mutter und der geliebten Schwester gibt es andere Frauen, die Heinrichs Leben beeinflussen. Allen voran Josepha, die Scharfrichtertochter, das rote Sefchen. Ihr Haar war rot, ganz blutrot und hing in langen Locken bis über ihre Schultern hinab. Die Stimme der Josepha (...) war nicht besonders wohllautend... Wenn sie sprach, erschrak ich zuweilen und glaubte mich selbst sprechen zu hören und auch ihr Gesang erinnerte mich an Träume, wo ich mich selber in der Art und Weise singen hörte. Das Sefchen sang alte Volkslieder und übte damit großen Einfluss auf den heranwachsender Poeten aus. Heines erste Gedichte ¨die Traumbilder¨ haben ein düsteres und graues Kolorit wie diese Volksweisen. Eines Tages lässt Harry sich das Scharfrichterschwert zeigen. Und als Josepha das ungeheure Schwert schwingt, sing sie schalkhaft drohend:

 

"Willst du küssen das blanke Schwert

Das der liebe Gott beschert?"

Und Harry antwortet:

"Ich will nicht küssen, das blanke Schwert -

ich will das rote Sefchen küssen!"

 

Und mit großer Herzhaftigkeit umschlang ich die feinen Hüften und küßte die trutzigen Lippen, ja, trotz dem Richtschwert, womit schon hundert arme Schelme geköpft worden, und trotz der Infamie womit jede Berührung des unehrlichen Geschlechtes jeden behaftet, küßte ich die schöne Scharfrichtertochter, ich küßte sie nicht bloß aus zärtlicher Neigung sondern auch aus Hohn gegen die alte Gesellschaft und alle ihre dunklen Vorurteile, und in diesem Augenblick loderten in mir die Flammen jener zwei Passionen, welchen mein späteres Leben gewidmet blieb, die Liebe zu schönen Frauen und die Liebe zur französischen Revolution. Schon im Alter von sechszehn Jahren erlaubt sich Harry die Haltung der Gesellschaft zu kritisieren.

 

Nur wenig später lernt er seine Cousine Amalie Heine kennen, Tochter von Salomon Heine. Während seiner Lehrzeit in Hamburg sieht er sie wieder. Seine erste große Liebe, unzählige Gedichte schreibt er für sie über sie, doch: Sie liebt mich n i c h t!.. In dem ersten Wörtchen liegt der ewig lebendige Himmel, aber auch in dem letzten liegt die ewig lebendige Hölle. Damit nicht genug. Genau wie der Rest der Familie, bringt sie kein Verständnis für seine literarischen Versuch auf: Das ist auch eine herzkränkende Sache, daß sie meine schöne Lieder, die nur für Sie gedichtet habe so bitter und schnöde gedemüthigt und mir überhaupt in dieser Hinsicht sehr häßlich mit gespielt hat. Harry nennt die hübsche, aber etwas dickliche Amalie Molly, wohl nicht deshalb. Doch vielleicht versteht sie es so und seine Gedichte für sie tun ein Übriges. Dass sie ihn als Mann und als Dichter ablehnt, kränkt ihn sehr.

 

In Rahel Varnhagen findet er eine glühende Verehrerin seiner Schriften. Sie und ihr Ehemann, Karl August Varnhagen von Ense, haben den wichtigsten und berühmtesten aller Salons in Berlin. Dort ist der Mittelpunkt des künstlerischen und geistigen Lebens der Hauptstadt. Rahel ist die geistreichste Dame, die ich je kennen gelernt. Eine wichtige Begegnung für Heinrich, weil mich niemand so tief versteht und kennt wie Fr v. V. Das Beste ist, ich brauch Fr v. Varnhagen keine lange Briefe zu schreiben. Wenn sie nur weiß das ich lebe, so weiß sie auch was ich fühle und denke. Ebenso wichtig für Heinrich ist ihr Ehemann, Karl August, einstiger Offizier und Diplomat. Nicht nur als gelegentlicher Geldgeber. Immer wieder setzt er sich für den Dichter ein. Heinrich hat eine hohe Meinung von ihm. Er ist ein Mann dessen äußere Stellung, Charakter, Kritik und Loyalität das höchste Vertrauen verdingt.

 

Ab 1831 lebt Heinrich Heine in Paris. Im April 1835 lernt er Augustine Crescence Mirat, eine Schuhverkäuferin, kennen und lieben. Er nennt sie Mathilde, sie ihn Henri. Sie leben in wilder Ehe, was zu jener Zeit in Deutschland unmöglich war. Mathilde habe ein naive fröhliche Naturell, so wird sie beschrieben und Heinrich hat selbst immer etwas Naives und Kindliches an sich, wenn er von ihr erzählt und sie schildert: Sie liebt mich persönlich, und die Kritik hat dabei gar nichts zu thun.

 

Vielleicht ist sie für ihn ein Ausgleich, die Erinnerung an seinen Vater. Ein Mahnmal, dass man das Leben nicht ernst nehmen sollte, zu mindestens nicht immer, so wie er es tat. Zu leben vom Jetzt ins gleich, Morgen ist noch fern. Die Einstellung ist nichts für Heinrich, aber er liebt es sie zu beobachten, vielleicht macht es ihn manchmal rasen, denn er soll Mathilde regelmäßig geschlagen haben. Meine Frau führt sich gottlob sehr gut auf. Sie ist ein kreuzbraves, ehrliches, gutes Geschöpf, ohne Falsch und Böswilligkeit. Leider aber ist ihr Temperament sehr ungestüm, ihre Laune nicht leicht, und sie irritiert mich manchmal mehr, als sie mir heilsam ist. Ich bin ihr noch immer mit tiefster Seele zugetan, sie ist noch immer mein innigstes Lebensbedürfnis - aber das wird doch einmal aufhören, wie alle menschlichen Empfindungen mit der Zeit aufhören, und diesem Zeitpunkt sehe ich mit Grauen entgegen. Ich werde alsdann nur die Launenlast empfinden, ohne die erleichternde Sympathie. Das schreibt Heinrich 1842 in einem Brief an seine Mutter. Ich möchte mir nicht anmaßen über die Beziehung zu urteilen. Beziehungen von Liebenden sehen von außen immer schräg aus. Und tun sie es nicht, dann sind sie es im Innern.

 

Glaube nicht, daß ich aus Dummheit

Dulde deine Teufeleien;

Glaub auch nicht, ich sei ein Herrgott,

Der gewohnt ist zu verzeihen.

 

Deine Nücken, deine Tücken

Hab ich freilich still ertragen,

Andre Leut' an meinem Platze

Hätten längst dich totgeschlagen.

 

Schweres Kreuz! Gleichviel, ich schlepp es!

Wirst mich stets geduldig finden -

Wisse, Weib, daß ich dich liebe,

Um zu büßen meine Sünden.

 

Ja, du bist mein Fegefeuer,

Doch aus deinen schlimmen Armen

Wird geläutert mich erlösen

Gottes Gnade und Erbarmen.

 

Sicher hat er Mathilde geliebt. Er hat für sie das Morgen geplant, hat sie geheiratet, als er um sein Leben fürchtet und hat in Verträgen Regelungen getroffen, die seine Frau über seinen Tod hinaus begünstigen. Und sie? Sie ist bis zum bitteren Ende geblieben. Ein Ende, das acht Jahre dauerte.

 

Kurz vor seinem Tod lernt er noch eine Frau kennen, deren liebreiche Theilnahme mir so wohl thut, ich abergläubiger Mensch mir einbilden will, eine gute Fee besuche mich in trüber Stunde. Heine spricht von Elise Krinitz, die sich 1855 bei ihm vorstellt. Später veröffentlich sie unter dem Namen Camilla Selden ihr Erinnerungsbuch "Heinrich Heine's letzte Tage". Sie besucht ihn regelmäßig und Heinrich schrieb, dabey bin ich sentimental wie ein Mops, der zum erstenmale liebt. Sie inspiriert ihn, er schreibt wieder Liebeslieder und seine poetischen Bilanz "Es träumt mir von einer Sommernacht“.

 

Lotosblume

Wahrhaftig, wir beide bilden

Ein kurioses Paar,

Die Liebste ist schwach auf den Beinen

Der Liebhaber lahm sogar.

 

Sie ist ein leidendes Kätzchen,

Und er ist krank wie ein Hund,

Ich glaube, im Kopfe sind beide

Nicht sonderlich gesund.

 

Vertraut sind ihre Seelen,

Doch jedem von beiden bleibt fremd

Was bei dem andern befindlich

Wohl zwischen Seel und Hemd.

 

Sie sei seine Lotosblume,

Bildet die Liebst sich ein;

Doch er, der blasse Geselle,

Vermeint der Mond zu sein.

 

Die Lotosblume erschließet

Ihr Kelchlein im Mondenlicht,

Doch statt des befruchtenden Lebens

Empfängt sie nur ein Gedicht.

 

Wenn es zu Ende geht, reflektiert man sein Leben. Dazu hat Heine genügend Zeit. Im Winter 1848 schreibt er:

 

Wo die Gesundheit aufhört,

Wo das Geld aufhört

Wo der gesunde Menschenverstand aufhört,

Dort überall fängt das Christentum an.

 

Ein Akt des Denkens hat ihn zu Gott zurückgebracht, kein Sprung in den Glauben: meine religiösen Überzeugungen und Ansichten sind frei geblieben von jeder Kirchlichkeit; kein Glockenklang hat mich verlockt, keine Altarkerze hat mich geblendet. Ich habe mit keiner Symbolik gespielt und meiner Vernunft nicht ganz entsagt. Ich habe nichts abgeschworen, nicht einmal meine alten Heidengötter, von denen ich mich zwar abgewendet, aber scheidend in Liebe und Freundschaft. Heinrich hadert mit Gott: Nur du, o Gott! bist der wahre Urheber meines Untergangs; jene armen Menschen tragen nicht die Schuld. O Gott! Du wolltest, daß ich zugrunde ging, und ich ging zugrunde. Gelobt sein der Herr! Er hat mich herabgestürzt von dem Postamente meines Stolzes, und ich, der ich in meinem dialektischen Dünkel mich selber für einen Gott hielt und Gefühle hegte und Tugenden übte, die nur einem Gott ziemten - ich liege jetzt am Boden, arm und elend, und krümme mich wie ein Wurm. Gelobt sein der Herr! Ich trage mit Ergebung meine Quallen, und ich leere den Kelch der Erniedrigung, ohne mit den Lippen zu zucken, bis zum letzten Tropfen. Weiß ich doch, daß ich aus dieser Erniedrigung auferstehe, gerechtfertigt, geheiligt und gefeiert. Er hofft auf ein Leben nach dem Tod und sicher gefällt ihm auch der Gedanken, dass Christen das glauben und lehren, was ein Jude ihnen gesagt hat.

 

Heines Familie sind Juden. Sein Vater entstammt einer strenggläubigen Familie, aber in Düsseldorf wird das Judentum in der Familie nicht gepflegt. Zusammen mit seinem Vater baut er an christlichen Feiertagen Altäre vor dem Haus, so wie es verlangt wird. Erst als in der Wirtschaftskrise die Anfeindungen gegen die Juden in Deutschland zunehmen, beschäftigt er sich mit dem Glauben seiner Vorfahren. Im Sommer 1824, während des Jura-Studiums in Göttingen, beginnt er mit dem Roman ¨Der Rabbi von Bacherach¨, der dem großen Judenschmerz gewidmet ist. Er befasst sich eingehend mit der Thematik, denn er stellt einen hohen Anspruch: Es wird ein Buch seyn das von den Zunzen aller Jahrhunderte als Quelle genannt werden wird. Leider vollendet er es nicht. Erst 1840 wird es als Fragment veröffentlich.

 

Die eine große Liebe Heinrichs habe ich mir bis zu Schluss aufgehoben. Die spröde, die ihn einerseits mit offenen Armen empfängt, ihn den Atem nimmt und tröstet. Und ihn auf der anderen Seite von sich stößt, ihn verschmäht und ihn schmachten lässt. Diese Geliebte ist seine Heimat Deutschland.

 

Ich hatte einst ein schönes Vaterland.

Der Eichenbaum

Wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft.

Es war ein Traum.

 

Das küßte mich auf deutsch, und sprach auf deutsch

(Man glaubt es kaum,

Wie gut es klang) das Wort: ¨ich liebe dich!¨

Es war ein Traum.

 

Er liebt seine Heimat, nicht so, wie sie war und nicht so, wie sie ist, so wie er sie gern hätte. Ihre Zukunft sieht er trübe, gesehen hat er sie in einem Traum:

 

Das ist ein Zauberkessel worin

Die magischen Kräfte brauen,

Und steckst du in die Ründung den Kopf,

So wirst du die Zukunft schauen -

 

Die Zukunft Deutschlands erblickst du hier

Gleich wogenden Phantasmen,

Doch schaudre nicht, wenn aus dem Wust

Aufsteigen die Miasmen! ¨

 

Sie sprachs und lachte sonderbar,

Ich aber ließ mich nicht schrecken,

Neugierig eilte ich den Kopf

In die furchtbare Ründung zu stecken.

 

Was ich gesehn, verrate ich nicht,

Ich habe zu schweigen versprochen,

Erlaubt ist mir zu sagen kaum,

O Gott! was ich gerochen! ---

 

Ich denke mit Widerwillen noch

An jene schnöden, verfluchten

Vorspielgerüche, das schien ein Gemisch

Von altem Kohl und Juchten.

 

Er hadert mit dem deutschen Volk: nichts Wesentliches drängt sie zur republikanischen Regierungsformen. Sie sind dem Royalismus nicht entwachsen. Sie glauben an Autoritäten, an die hohe Obrigkeit, an die Polizei, an die heilige Dreifaltigkeit, an die ¨Hallesche Literaturzeitung¨.... Armer Wirth! (Anspielung auf Johann Georg August Wirth, einen der Initiatoren des Hambacher Fests) du hast die Rechnung ohne die Gäste gemacht.

Das seine Worte aus dem Drama Almansor dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen sich in Deutschland erfüllen würde, hat er nicht vorhergesehen.

 

¨Im düstern Auge keine Thräne,

Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne,

Deutschland, wir weben dein Leichentuch.

Wir weben hinein den dreyfachen Fluch -

Wir weben, wir weben! ¨

 

Auch im selbst gewählten Exil sehnt er sich nach ihr, seiner Heimat, kommt zeitlebens nicht von ihr los. Sein Verhältnis zu Deutschland zu beschreiben ist schwierig. Deshalb bediene ich mich der Worte des Dichters. Seiner bekanntesten Worte, in viele Sprachen übersetzt. Die musikalische Version schallt tagtäglich durchs schöne Rheintal:

 

Ich weiß nicht was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin.

 

 

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