Essay 

Ich auf der Suche nach der Kunst zu schreiben

 

 

Vor der Kunst liegt das Handwerk. Das gilt vielleicht nicht für alle. Sicher gibt es begnadete oder begabte Menschen, denen die Worte aus den Fingern fließen, so schön und erfrischend wie eine morgendliche Dusche. Dazu gehöre ich nicht. Also habe ich beschlossen, das Handwerk des Schreibens zu erlernen. Ich möchte Worte formen, schnitzen, aneinanderreihen, aufbauen. Sie solange umstellen, neu ordnen, bis ich mit dem Ergebnis zufrieden bin.

 

Das Schreiben hat mich erst sehr spät gefunden oder ich es. Vielleicht habe ich es auch nur wieder entdeckt. Aus der Not geboren. Auf der Suche nach einem Hobby, das sich der knapp bemessenen Freizeit anpasst. An keine festen Zeiten gebunden ist. Keine Vorbereitungen. Habe gerade etwas Zeit - wie fülle ich diese sinnvoll? Im Nachhinein merke ich, dass mich das Schreiben schon immer beschäftigt hat. Beim Aufsatz schreiben war ich immer die Beste. Als Teenager habe ich mich mit Lyrik befasst. Das Büchlein habe ich letztens durchgeblättert. Vorherrschendes Thema war natürlich Liebe. Aber ich habe schon damals viel mit Bildern gearbeitet. Auch Geräusche waren immer ein Teil davon. Düfte zu beschreiben, habe ich erst nach der Lektüre von Patrick Suskinds „Parfüm“ für mich entdeckt.

 

 

Mit fünfzehn habe ich an meinem ersten Roman gearbeitet. Ich habe die Personen aus dem Buch „The Outsiders“ übernommen und deren Leben erzählt. Nicht weitererzählt. Ich wollte Erklärungen finden für das Handeln von Ponyboys besten Freunden in „The Outsiders“. Dallas und Johnny leben also noch. Meine Geschichte spielt ein halbes Jahr vor der anderen. Natürlich gibt es da ein taffes Mädchen. Leider muss sie am Ende meines Romans sterben. Wohl der Grund dafür, dass ich ihn nie zu Ende geschrieben habe. Die Skrupel habe ich mittlerweile nicht mehr. Ein wichtiger Prozess im Schaffen eines Autors, nicht nur die Bösen sterben zu lasse. Dabei war mir John Steinbecks „Früchte des Zorns“ ein gutes Beispiel. Die Bücher, die ich nach der letzten Seite am liebsten in die Ecke werfen würde, weil ich einen lieb gewonnen Freund verliere oder das Happy End einen faden Beigeschmack hat, gefallen mir am Besten. Die bleiben in Erinnerung, lösen Emotionen aus - das ist es was mich zum Schreiben bewegt.

 

Natürlich stelle ich mir die Frage: „Gibt es da draußen jemanden, den meine Geschichten interessieren?“ In erster Linie schreibe ich, um mich selbst zu unterhalten. Aber wenn das dann auch andere lesen wollen, würde mir das schmeicheln, mich stolz machen. Wie erlerne ich die Kunst des Schreibens? Was ist dabei wichtig? Was muss ich beachten?

 

Mich muss das geschriebene Wort im Herzen berühren. Ich möchte die Worte spüren, sie müssen etwas mit mir machen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich zum ersten Mal das Lied „Auf andern Wegen" von Andreas Bourani gehört habe. Die Textzeile „wir haben die Stille um uns totgeschwiegen“ hat mich aus der Arbeit herausgerissen. Das Radio schnell lauter gestellt. Wie war das: „Die Stille totschweigen“? Das ist der Kern von vielen Beziehungsproblemen. Einfache Worte, bei denen man nur anerkennend nicken kann und denkt „Genau“. Ist das die Kunst des Schreibens – mit wenigen Worten, den Nagel auf den Kopf treffen?

 

Bei der Lektüre von Luigi Pirandellos „Einer, keiner, hunderttausend“ habe ich gleich gedacht: „Einmal lesen reicht nicht, um es zu verstehen, jetzt muss ich es wohl noch hunderttausend Mal lesen – kein Mal wäre einfacher gewesen.“ Da steht zum Beispiel:

 

Und doch gibt es keine andere Wirklichkeit außerhalb dieser, das heißt, es gibt sie nur in der momentanen Form, die wir uns selber, den anderen, den Dingen zu geben vermögen. Die Wirklichkeit, die ich für Sie besitze, besteht in der Form, die Sie mir geben; aber es ist eine Wirklichkeit für Sie und nicht für mich; die Wirklichkeit, die Sie für mich haben, besteht in der Form, die ich Ihnen gebe; aber es ist eine Wirklichkeit für mich und nicht für Sie; und für mich selber besitze ich keine andere Wirklichkeit als in der Form, die ich mir geben kann. Wie das? Indem ich mich selber errichte.

 

Aha, ja! Hmh? Echt? Leider bleibt mir die psychologische Tiefe der Aussage verschlossen. Darüber müsste ich länger nachsinnen. Zusammen mit einem geneigten Gesprächspartner würde es sicher Spaß machen. Die Worte drehen und wenden und dann für gut zubefinden – oder eben nicht. Ist das die Kunst des Schreibens – Diskussionsstoff zu liefern, die Leser zum Nachdenken zu bringen?

 

„Komm erzähl mir was, plauder auf mich ein. Ich will mich an dir satt hörn. Immer mit dir sein. Betanke mich mit Leben.“ Auch wenn die Worte aus einem Liebeslied (Halt mich) von Herbert Grönemeyers stammen, möchte ich ihm doch zu rufen: „Komm Herbert, setzt dich. Machs dir bequem. Erzählen, plaudern – da bist du bei mir richtig. Immer mit mir sein“. Ich habe einige wenige Bücher gelesen, deren Protagonisten mich nicht loslassen, dass sie tatsächlich immer bei mir sind. Ich erinnere mich noch, als ich Susan E. Hintons Buch „That was than, this is now“ gelesen haben und Bryon auf einer Party Ponyboy trifft. Ponyboy aus „The Qutsiders“. Da hat mein Herz einen Hüpfer gemacht. Den kurzen Abschnitt habe ich dreimal hintereinander gelesen. Das war so als würde ein alter Freund, den ich schon ewig nicht mehr gesehen habe, mir von der anderen Straßenseite zurufen: „Hey, sorry, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Ich hab‘ wenig Zeit, du weißt schon. Aber ich wollte dir sagen, mir geht’s gut.“ Ponyboy zwei Jahre älter, das hat mich umgehauen. Nicht, dass er älter geworden ist, sondern ich war glücklich darüber von ihm zu hören, dass er die Tragödien seines Leben überstanden hat und lebt – zwischen den Seiten einer anderen Geschichte und in mir. Ist das die Kunst zu schreiben – für den Helden einen Platz im Herzen des Lesers zu beanspruchen?

 

Eine ähnliche Erfahrung hatte ich mit der Turmsaga von Stephen King. Eine Geschichte um den Antihelden Roland, der seine Freunde manipuliert, verrät und in den Tod schickt, nur um seine Mission zu erfüllen. Den möchte ich im wahren Leben nicht zum Freund haben. Seine Gefährten und ihn habe ich durch sieben Bücher und mehr als viertausenddreihundert Seiten begleitet. Habe mit ihnen gelitten, gehofft, gebangt, gelacht. Habe mit Oy, dem Waschbär, um Jake getrauert und geheult. Und am Ende sind Roland und ich alleine die Stufen zum dunklen Turm hinauf geschritten. Trotz der eindringlichen Mahnung des Autors nicht weiterzulesen. Das Ende ohne Ende zu akzeptieren. Ich, der Leser, würde nur enttäuscht oder sogar untröstlich sein: „Enden sind herzlos. Ende ist nur ein anderes Wort für Leb wohl“. Doch das war ich Roland und den anderen schuldig – auch wenn das Ende noch so bitter war. Und was soll ich sagen, es kam nicht schlimmer. Am Ende stand Roland wieder am Anfang. Die Reise zum dunklen Turm hat er schon mehrfach durchgemacht, in verschiedenen Varianten und immer mit dem gleichen Misserfolg am Ende. Das Wissen daran verloren, ist für ihn die Wiederholung der Reise ein Neuanfang. So steht es da geschrieben. Reset. Das Buch endet wie das erste beginnt. Ich fand den Gedanken durchaus tröstlich. Damit gab der Autor mir die Fäden in die Hand. Jetzt darf ich die Geschichte neu erzählen. Und eins sag‘ ich dir, Stephen, bei mir schaffen es alle bis zum Turm und Walther wird am Ende fallen. Ist das die Kunst zu schreiben – dem Leser mit der Geschichte so zu fangen, dass er nicht loslassen will?

 

Die Lebenshilfe Berlin hat letztes Jahr zum zweiten Mal zu dem Literaturwettbewerb „Kunst der Einfachheit“ aufgerufen. Dabei ist das Thema frei wählbar, aber die Beiträge sollen aus kurzen Sätzen bestehen, keine Fremdwörter enthalten und eine klare Aussage haben. Ziel ist die Entstehung von Geschichten und Gedichten, die für alle Menschen lesbar und erfahrbar sind. Auch für diejenigen, denen der Zugang zu Literatur erschwert ist. Vor allem Erwachsenen mit Lern- und Leseschwierigkeiten einen hochwertigen Lesegenuss zu bereiten. Einfach zu schreiben ist gar nicht einfach. Kann man zum Beispiel schreiben „Jemanden Respekt zollen“? Oder muss Respekt durch Achtung oder Ehrfurcht ersetzt werden? Ich störe mich dabei mehr an dem Verb zollen. Aber wie klingt Ehrfurcht erweisen? Das würde der Words Thesaurus daraus machen. Das hört sich für mich fremd an. Dann lieber Respekt zeigen. Ist das die Kunst zu schreiben – dem Leser gerecht zu werden, ohne sich selbst zu verraten?

 

Das Wort will gehört werden. Sich Gehör verschaffen. Das zählt nicht nur für das gesprochene Wort, sondern auch für das geschriebene. Da fällt mir ein Zitat aus „Der kleine Prinz“ ein: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Dem möchte ich hinzufügen, dass man auch nur mit dem Herzen gut hören kann. Worte, die den Verstand kurz streifen und dann ins Herzen fahren, unter die Haut gehen und mich berühren, sind mir die liebsten. Das ist für mich die Kunst zu schreiben. Sätze erdenken, die sich mit einer Leichtigkeit erheben, den Leser davon tragen, in Höhen und Tiefen. Wenn jemand danach fragt, was wollte Monja damit sagen? Dann habe ich mein Ziel verfehlt. Ich will keine Statements setzten. Wenn mein Geschreibsel einem arbeitslosen Maurer mit Hauptschulabschluss ein Lächeln auf die Lippen oder eine Träne in die Augen zaubert, dann weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin.